Die stolze Rose oder Tränen des Abschieds

Ich glaube, er benutzte für seine Flucht einen Zug wilder Vögel. Am Morgen seiner Abreise brachte er seinen Planeten noch in Ordnung. Sorgfältig reinigte er die aktiven Vulkane. Er besaß zwei aktive Vulkane. Das war sehr praktisch fürs Kochen zum Frühstück. Er hatte auch einen erloschenen Vulkan. Aber er sagte sich: »Man kann nie wissen!« Und so fegte er auch den erloschenen Vulkan. Wenn sie gut gefegt werden, brennen die Vulkane sanft und gleichmäßig, ohne jemals auszubrechen. Vulkanausbrüche sind wie Kaminfeuer. Wir auf unserem Planeten sind ganz offensichtlich viel zu klein, um unsere Vulkane fegen zu können. Darum bereiten sie uns auch so viel Ärger.

Mit ein wenig Schwermut riss der kleine Prinz die letzten Triebe eines Affenbrotbaumes aus. Er glaubte, er würde nie wieder zurückkehren. Aber alle diese alltäglichen Arbeiten erschienen ihm an diesem Morgen ganz besonders verlockend. Und als er die Blume zum letzten Mal goss und er sie zum Schutz unter eine Glasglocke stellen wollte, entdeckte er in sich den Drang zu weinen.

  • »Lebe wohl«, sagte er zu der Blume.

Aber sie antwortete nicht.

  • »Lebe wohl«, wiederholte er.

Die Blume hustete. Aber es war nicht wegen ihrer Erkältung.

  • »Ich war dumm«, sagte sie schließlich. »Verzeihe mir bitte. Versuche, glücklich zu sein.«

Es überraschte ihn, dass sie ihm keine Vorwürfe machte. Ganz verwirrt stand er mit der Glasglocke da. Doch diese stille Sanftmut verstand er nicht.

  • »Ja, ich liebe dich«, sagte die Blume. »Du konntest es nicht wissen, das ist meine Schuld. Es spielt keine Rolle. Aber du warst genauso dumm wie ich. Versuche, glücklich zu sein … Lass‘ die Glaskugel. Ich will sie nicht mehr.«
  • »Aber der Wind …«
  • »Ich bin nicht so stark erkältet, dass … Die kühle Nachtluft wird mir gut tun. Ich bin eine Blume.«
  • »Aber die Tiere …«
  • »Ich werde wohl zwei oder drei Raupen aushalten müssen, um die Schmetterlinge kennenzulernen. Das wird wohl sehr schön werden. Wer würde mich sonst besuchen? Du wirst weit weg sein. Vor den großen Tieren fürchte ich mich nicht. Ich habe meine Krallen.«

Ganz einfältig zeigte sie ihre vier Dornen. Dann fügte sie hinzu:

  • »Mach‘ es nicht so lang, das ist fürchterlich. Du hast dich entschieden zu gehen. Also geh‘!«

Sie wollte nicht, dass er sie weinen sieht. Sie war eine sehr stolze Blume.

blutende_rose

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Ein Gedanke zu “Die stolze Rose oder Tränen des Abschieds

  1. … Aber eine von ihnen übertraf sie an Anmut und Grazie. Es war die Edelste unter ihnen. Sie verführte mit ihrem Zauber. Fast fühlte man sich dazu bedrängt, vor Ehrfurcht sein Haupt zu verneigen. So majestätisch. Die Sinnlichste unter ihnen: die Rose.

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