Romantik pur….

Söhne und Liebhaber

 

 

Sie wollte ihm eine bestimmte Wildrose zeigen (…). Fast leidenschaftlich wünschte sie, zusammen mit ihm vor den Blüten zu stehen. Sie würden miteinander eins werden – etwas, das sie erschauern ließ, etwas Heiliges. (…)
Es war ganz still. Der Strauch war hoch und ausladend. ( … ) Stumm standen Paul und Miriam dicht beieinander und schauten. Stern um Stern leuchteten die Rosen ihnen entgegen und schienen etwas in ihren Seelen zu entfachen. (…) Paul sah Miriam in die Augen. Sie war blass und erwartungsvoll vor Staunen, ihre Lippen waren geöffnet, und offen standen ihre dunklen Augen vor ihm. Sein Blick schien in sie einzudringen. Ihre Seele bebte. Dies war die Einswerdung, die sie ersehnte. Wie gepeinigt wandte er sich von ihr ab und dem Strauch zu.

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Paul stieg hoch hinauf in den Baum, über die roten Dächer der Gebäude. Mit sachter, erregender Bewegung, die das Blut aufreizte, wiegte der unablässig stöhnende Wind den ganzen Baum. Der junge Mann, der unsicher in den schlanken Ästen hockte, schwang hin und her, bis er das Gefühl leichter Trunkenheit hatte, griff in die Zweige, an denen dicht wie Perlen die scharlachroten Kirschen hingen, und pflückte Handvoll um Handvoll der glatten, kühlen, fleischigen Früchte. Wenn er den Arm ausstreckte, berührten die Kirschen seine Ohren und seinen Hals, und ihre kalten Fingerkuppen fuhren ihm wie Blitze durchs Blut. Sämtliche Rottöne, von goldenem Zinnoberrot bis zu reichem Karmesinrot, glühten im Dunkel des Blattwerks auf und trafen seinen Blick. (…) Verwundert trat Miriam aus dem Haus. (…) „Wie hoch oben du bist!“, sagte sie. Neben ihr, auf den Rhabarberblättern, lagen vier tote Vögel, Diebe, die erschossen worden waren. Paul bemerkte einige Kirschkerne, die ausgebleicht wie Gerippe, von denen das Fleisch gepickt ist, herabhingen. (…)
Dann sank das Scharlachrot zu Rosa herab, Rosa zu Karmin, und rasch schwand alle Leidenschaft vom Himmel. Die ganze Welt war dunkelgrau. Hurtig kletterte Paul mit seinem Korb nach unten und zerriss sich dabei den Hemdsärmel.

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Sie stiegen weiter den steilen, schlüpfrigen roten Pfad hinauf. Sogleich ließ sie seine Hand los und legte sie um ihre Taille. (…) Seine Fingerspitzen fühlten das Schaukeln ihrer Brüste. Alles war still und verlassen. Zur Linken zeigte sich in den Lücken zwischen den Stämmen der Ulmen und ihren Zweigen das nasse rote Ackerland. Rechts sahen sie die Wipfel der Ulmen in der Tiefe und hörten bisweilen das Gurgeln des Flusses. Manchmal erhaschten sie einen Blick auf den vollen, sanft dahingleitenden Trent und auf die mit kleinen Rindern gesprenkelten Flussauen. (…) Die Auen tief unter ihnen waren sehr grün. Still und furchtsam standen die beiden dicht aneinandergedrängt, ihre Körper berührten sich der ganzen Länge nach. Vom Fluss drunten ertönte ein rasches Gurgeln. (…) Paul (…) steuerte auf eine kleine Terrasse am Fuße eines Baumes zu. Dort wartete er auf sie, lachend vor Erregung. (…) Er grub seinen Mund in ihren Hals und fühlte ihren schweren Pulsschlag unter seinen Lippen. Alles war vollkommen still. An diesem Nachmittag gab es nichts als sie beide. Als sie aufstand, sah er (…) die nassen schwarzen Buchenwurzeln mit unzähligen scharlachroten Nelkenblütenblättern (…), die wie Blutspritzer aussahen. Und kleine, rote Spritzer fielen von ihrem Busen und rieselten an ihrem Kleid herab bis zu ihren Füßen.

blutendes_herz_poster-rc63863417e1b40f494a2db00c5fcdcef_i09_8byvr_512(…) war für ihn nicht mehr Clara dort in der Dunkelheit, sondern nur eine Frau, etwas Warmes, das er liebte und fast vergötterte. Aber Clara war es nicht. (…) Die ganze Zeit über kreischten die Kiebitze im Feld. Als er wieder zu sich kam, wunderte er sich, was da, gebogen und lebensvoll, im Dunkeln so nahe vor seinen Augen war und mit welcher Stimme es sprach. (…) Die Wärme war Claras wogender Atem. Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen. (…) Was war sie? Ein starkes, fremdes, wildes Leben, das zusammen mit dem seinen diese Stunde im Dunkeln durchatmete. Dies alles war so viel größer als sie selbst, dass er verstummte. Sie waren einander begegnet und hatten den Wuchs der Grashalme, den Ruf des Kiebitzes, das Rad der Sterne in ihre Begegnung eingeschlossen. (…) Und nach einem solchen Abend waren sie beide sehr still, hatten sie doch die Unermesslichkeit der Leidenschaft erfahren.

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